Friedrich Paulus

Friedrich Paulus

Friedrich Wilhelm Ernst Paulus (* 23. September 1890 in Breitenau, Hessen; † 1. Februar 1957 in Dresden) war ein deutscher Heeresoffizier (seit 1943 Generalfeldmarschall) und im Zweiten Weltkrieg Oberbefehlshaber der 6. Armee, die in der Schlacht von Stalingrad am 3. Februar 1943 endgültig den Kampf einstellte. Bis zum Ende der Kesselschlacht waren rund 80.000 Soldaten der 6. Armee gefallen.

Inhaltsverzeichnis

Leben

Kaiserreich und Erster Weltkrieg

Nach dem Umzug seiner Familie nach Kassel schloss Friedrich Paulus seine Schullaufbahn am dortigen Wilhelmsgymnasium 1909 mit dem Abitur ab. Sein ursprüngliches Ziel, Offizier bei der Kaiserlichen Marine zu werden, konnte er nicht verwirklichen: Er wurde abgelehnt. So schrieb er sich statt dessen an der Philipps-Universität Marburg für Rechtswissenschaften ein. Aber schon nach einem Semester verließ er die Universität wieder und trat am 18. Februar 1910 als Fahnenjunker in das Infanterie-Regiment „Markgraf Ludwig Wilhelm“ (3. Badisches) Nr. 111 in Rastatt ein, wo er am 18. Oktober 1910 zum Fähnrich befördert wurde. Nach dem Besuch der Kriegsschule für Offizieranwärter Engers im Rheinland wurde er am 15. August 1911 Leutnant. Kaum ein Jahr später, am 4. Juli 1912, heiratete er die rumänische Adelstochter Elena Rosetti-Solescu, die Schwester eines Regimentskameraden. Aus dieser Ehe gingen drei Kinder hervor. Vor Kriegsausbruch war er Adjutant des III. Bataillons. Dieser Posten wurde ihm am 1. Oktober 1913 als Auszeichnung für Fleiß und Gewissenhaftigkeit im Dienst übertragen.[1]

Nach Kriegsausbruch und der am 6. August 1914 erfolgten Verlegung des Regiments nach Freiburg i. Br. kam Paulus’ Einheit wenig später zum Westfronteinsatz. Das Rastatter Regiment wurde zunächst zur Unterstützung der deutschen Truppen eingesetzt, die unmittelbar nach Kriegsbeginn von Frankreich auf das rechte Rheinufer zurückgeworfen worden waren. Die französische Armee hatte durch die Vogesen Mülhausen erreicht und einen großen Teil des Oberelsaß besetzt. Die Kämpfe um die Befreiung des Sundgaus begannen am 9. August, am 13. wurde Belfort von deutschen Truppen besetzt. Zwei Tage später wurde Paulus’ Regiment nach Straßburg transportiert. Bei Saarburg erlitt der Verband bei wiederholten Sturmangriffen gegen französische Stellungen schwere Verluste, konnte aber anschließend die Verfolgung der flüchtenden Feindkräfte aufnehmen. Mitte September wurde das Regiment in die Region NancyMetz (→ Festung Metz) verlegt, von wo aus es zwischen den französischen Festungen Toul und Verdun nach Westen vorstoßen sollte. Dieser Plan war nicht von Erfolg gekrönt, der Durchbruch misslang. Am 8. Oktober, mittlerweile im Einsatz zwischen Lille und Arras, meldete sich Paulus krank.

Nach einer längeren Krankheit war er erst 1915 wieder voll verwendungsfähig und wurde als Ordonnanzoffizier beim Regimentsstab des preußischen Jägerregiments 2 eingesetzt. In diesem Regiment stieg Paulus im Mai 1916, mittlerweile zum Oberleutnant befördert, zum Regimentsadjutanten auf. Das Regiment wurde – im Rahmen des im Mai 1915 neu aufgestellten Deutschen Alpenkorps – zunächst in Südtirol zur Verteidigung der Grenze Österreich-Ungarns gegen Italien eingesetzt. Im Oktober 1915 kam es nach Serbien und stand im Februar 1916 in Mazedonien. Wenig später kämpfte Paulus mit seinem Regiment an der Westfront, zunächst (März – Mai 1916) in der Champagne, dann (bis August 1916) in der Schlacht um Verdun. Es folgten bis zum September 1916 die Teilnahme an den Kämpfen in den Argonnen und danach der Einsatz in Siebenbürgen als Unterstützung der k. u. k.-Truppen gegen Rumänien. Dort blieb er – von einem kurzen Einsatz in den Vogesen im Mai/Juli 1917 abgesehen – bis zum September 1917. Ab September 1917 an der Isonzofront, wurde er im Frühjahr 1918 mit seinem Regiment nach Flandern verlegt. Er war unterdessen als für das Nachrichtenwesen zuständiger Ic-Offizier seines Korps zum Hauptmann befördert und im Mai 1918 in den Stab des Reserve-Regiments 48 versetzt worden, das aber nicht mehr zum Einsatz kam. Deshalb nahm er an den Kämpfen in Flandern nicht mehr teil.

Die Kriegszeit hatte auf Paulus in mehrerer Hinsicht weitreichende Auswirkungen gehabt. Zunächst erkrankte er bei den Einsätzen auf dem Balkan an der Ruhr, von der er sich zeitlebens nicht mehr völlig erholte. Neben seinen Auszeichnungen mit dem Eisernen Kreuz I. und II. Klasse war er zudem zum Hauptmann befördert worden. Er hatte aber auch die Eskalation der Kriegsführung erlebt: In den Materialschlachten wurde der Gegner gnadenlos bekämpft, die örtliche Bevölkerung durch Geiselnahmen und Erschießungen eingeschüchtert. Zudem erlebte er in Serbien den Bewegungskrieg und in der „Hölle von Verdun“ den Stellungskrieg. Prägend wurde für Paulus auch ein starkes elitäres Bewusstsein; er gehörte einer bereits gut motorisierten Eliteeinheit an. Seine Vorbilder fand er in den erzkonservativen Truppenführern Franz Ritter von Epp und Ferdinand Schörner.[2]

Weimarer Republik

Nach dem Krieg war Paulus seit Ende 1918 Angehöriger eines Freikorps beim Grenzschutz Ost, das gegen die widerrechtliche Besetzung schlesischer Gebiete durch polnische Truppen kämpfte. Er war in der Organisation des Freiwilligeneinsatzes sowie der Werbung und Rekrutierung eingesetzt, nahm aber selbst nicht an Kämpfen teil.

1919 wurde Paulus in die Vorläufige Reichswehr übernommen, 1920 wurde er in Konstanz Regimentsadjutant des 14. Infanterie-Regiments. Paulus sympathisierte mit den Kapp-Putschisten, konnte aber seine Karriere dennoch zielstrebig fortsetzen. In Stuttgart war er von 1924 bis 1927 als Generalstabsoffizier eingesetzt und erhielt anschließend als Kompaniechef im 13. Infanterie-Regiment sein erstes Truppenkommando. Hier lernte er Erwin Rommel kennen, der Kompaniechef der Maschinengewehrkompanie war. Danach war Paulus bis 1931 als Taktiklehrer in der Division tätig und machte in dieser Funktion durch seine operative Begabung auf sich aufmerksam. Im Februar 1931 wurde er an die Kriegsschule nach Berlin versetzt und zum Major befördert. Als Lehrgangsleiter für Taktik und Kriegsgeschichte wurde er in der Offiziersausbildung eingesetzt.

Zeit des Nationalsozialismus

Vorkriegszeit

In der Reichshauptstadt wurde Paulus Zeuge der Machtergreifung der Nationalsozialisten, seine persönliche Einstellung dazu ist aber nicht dokumentiert. Es ist allerdings davon auszugehen, dass er mit seiner Frau übereinstimmte. Als Aristokratin war ihr das prahlerische Plebejertum der Braunhemden unangenehm. Das Offizierkorps selbst blieb eher indifferent, da die Reichswehr an der unmittelbaren Verfolgung der politischen Gegner und den Straßenschlachten nicht beteiligt war. Lediglich die Ambitionen der SA wurden mit Beunruhigung gesehen.

Seit April 1934 Kommandeur der Kraftfahr-Abteilung 3 in Wünsdorf nahe Berlin, wurde Paulus mit seinem Verband während des sog. Röhm-Putsches zwar in Alarmbereitschaft versetzt, kam jedoch nicht zum Einsatz.

Die 1935 wieder eingeführte Wehrpflicht sowie die verstärkte Aufrüstung fanden ausdrücklich Zustimmung im Offizierskorps; auch Paulus profitierte von dieser Entwicklung, als er 1935 zum Oberst befördert und im September zum Chef des Generalstabs der Kraftfahrtruppen ernannt wurde. Hier war er maßgeblich am Aufbau und an der Entwicklung der deutschen Panzerwaffe beteiligt. Nach vier Jahren wurde er Anfang 1939 Chef des Generalstabs des 16. Armeekorps unter dem Oberbefehl Generalleutnant Erich Hoepners, gleichzeitig wurde er zum Generalmajor befördert.[3]

Zweiter Weltkrieg

Paulus (rechts neben Hitler) bei einer Lagebesprechung an der Ostfront im Juni 1942

Die Mobilmachung 1939 brachte Paulus den Posten als Chef des Generalstabs der 10. Armee in Leipzig, die nach dem Sieg über Polen am 10. Oktober 1939 in 6. Armee umbenannt wurde. Als rechte Hand von Oberbefehlshaber Generaloberst Walter von Reichenau nahm Paulus am Polenfeldzug und am Westfeldzug 1940 teil, dabei gelangte er im Osten über Częstochowa, Kielce, Radom und Lublin bis nach Warschau, im Westen über Lüttich, Flandern, Lille, die Somme, Oise, Aisne, Marne und Seine nach Orléans und über die Loire bis an die Kanalküste in der Normandie, die sein Verband Ende Juli 1940 erreichte.

Oberquartiermeister I

Am 3. September 1940 trat Paulus seine neue Stelle als Oberquartiermeister I beim Generalstab an. Damit war er als Stellvertreter des Generalstabschefs Franz Halder der dritthöchste Soldat des Heeres. Über ihm standen nur noch Halder und der Oberbefehlshaber des Heeres, Generalfeldmarschall Walther von Brauchitsch. Erste Operationsstudien für den Krieg gegen Russland, den Hitler befohlen hatte, lagen bereits vor, Paulus übernahm nun die detaillierte Ausarbeitung des operativen Vorgehens. Er erkannte die Notwendigkeit eines schnellen Vorstoßes mit dem Ziel der Eroberung Moskaus. Um die Sowjetunion schnell niederwerfen zu können, war es nach seinem Dafürhalten notwendig, mit schnellen Panzerverbänden vorzustoßen und zu verhindern, dass kampfkräftige feindliche Verbände in die Weite des Raumes abziehen konnten. Für den Fall, dass dieser Plan nicht gelang, sah der Generalstab einen lange dauernden Krieg voraus, dem die Wehrmacht schwerlich gewachsen wäre. Am 18. Dezember 1940 gab Hitler den Befehl, den Angriff in die Wege zu leiten.

Im ersten Halbjahr 1941 war Paulus an den Verhandlungen mit den deutschen Verbündeten für den Krieg gegen die Sowjetunion beteiligt. Sein Anteil an der Vorbereitung des Unternehmen Barbarossa beschränkte sich somit nicht nur auf Planspiele, sondern auch die aktive Abstimmung mit den anderen Partnern der Achse.

Am 24. April wurde Paulus nach Nordafrika gesandt, wo seit September 1940 Truppen der Wehrmacht italienische Truppen gegen britische Einheiten unterstützten. Der Generalstab stand den Offensiven Rommels skeptisch gegenüber, da sie nicht von dauerhaftem Erfolg gekrönt waren und für den Angriff auf die Sowjetunion benötigte Ressourcen banden. Ein verzögerter Angriffstermin aber würde es unmöglich machen, die Kampfhandlungen vor Beginn der herbstlichen Schlammperiode siegreich zu Ende zu führen. In Nordafrika nahm Paulus am 30. April und 1. Mai am erfolglosen Angriff auf die Festung Tobruk teil, flog dann am 8. Mai nach Rom zu einem Treffen mit dem Duce Benito Mussolini. Von Rom aus kehrte er zwei Tage später nach Berlin zurück.

Am 22. Juni 1941 begann der Feldzug gegen Russland: Nach anfänglichen großen Erfolgen der deutschen Truppen geriet der Vormarsch in den Monaten August und September 1941 durch das Hereinbrechen der Schlammperiode ins Stocken. Hitler, der von Anfang an statt einer militärischen Kriegführung eine wirtschaftliche angestrebt hatte, entschloss sich nun gegen heftigen Widerstand des Generalstabes des Heeres, das Hauptgewicht auf die Besetzung des wichtigen Industriegebietes im Donezbecken zu legen und gleichzeitig an dem Ziel der Eroberung Leningrads festzuhalten. Damit fehlten der Wehrmacht die Kräfte für die Entscheidungsschlacht um die Einnahme Moskaus: Der Blitzkrieg war vorüber, und ein langwieriger deutsch-sowjetischer Krieg stand bevor. In dieser Situation schickte Generalstabschef Halder Paulus zur Beurteilung der örtlichen Lage an verschiedene Frontabschnitte. Im August 1941 besuchte er auch die 6. Armee und ihren Oberbefehlshaber Walter von Reichenau im Abschnitt der Heeresgruppe Süd. Hier erkrankte er wieder an der Ruhr, zudem machte er auf Beobachter einen müden und überarbeiteten Eindruck. Obwohl Paulus wusste, dass Hitler sich mit der Einschätzung, die Sowjetunion würde schnell zusammenbrechen, geirrt hatte, versah er seinen Dienst dennoch pflichtschuldig und gestand Hitler die Entscheidungsgewalt zu.[4]

Verwendung an der Ostfront

Am 3. Dezember 1941 wurde Walther von Reichenau als Oberbefehlshaber der Deutsche 6. Armee in Personalunion zum Chef der Heeresgruppe Süd ernannt. Er erinnerte sich seines fähigen Untergebenen aus den Jahren 1939 und 1940 und wünschte sich diesen zu seiner Entlastung auf den Posten des Oberbefehlshabers der 6. Armee. Tatsächlich wurde Paulus am 5. Januar 1942 unter gleichzeitiger Beförderung zum General der Panzertruppe dazu ernannt. Er trat seinen Posten allerdings erst an, nachdem von Reichenau an den Folgen eines Schlaganfalls gestorben war. Seine Nominierung stieß auch auf Kritik: So waren nicht nur dienstältere Offiziere übergangen worden, Paulus verfügte auch kaum über Kommandoerfahrung. Er hatte noch nicht einmal eine Division oder ein Armeekorps geführt und bekam nun Befehlsgewalt über eine ganze Armee mit rund 300.000 Mann. Am 20. Januar trat Paulus seinen neuen Posten bei der im Großraum Charkow liegenden Armee an.

Mit ihm änderte sich der Führungsstil des AOK 6: Während von Reichenau ein „Troupier“ und „Haudegen“ gewesen war, führte Paulus seine Armee eher vom Schreibtisch aus. Erste Amtshandlung von Paulus als neuem Oberbefehlshaber war die Aufhebung des Befehls von Reichenaus, der deutsche Soldat habe „Träger einer unerbittlichen völkischen Idee“ zu sein. Gleichzeitig sprach er sich gegen die weitere Befolgung des Kommissarbefehls in seinem Armeebereich aus. Er konnte sich mit dieser Haltung freilich nicht bei allen seinen Kommandeuren durchsetzen.

Die Angriffe der Roten Armee seit Mitte Januar 1942 nördlich Charkow konnte die 6. Armee abweisen. Am 12. Mai begann ein massiver sowjetischer Großangriff im Raum Charkow. Paulus bewährte sich und ging siegreich aus den ersten beiden Schlachten bei Charkow hervor. 20.000 Mann eigenen Verlusten standen allein knapp 240.000 Mann gefangengenommene Rotarmisten gegenüber. Damit verstummten alle seine Kritiker, die ihm vorgeworfen hatten, keine Ahnung von der Führung einer Armee zu haben. Nach diesem militärischen Desaster waren die Sowjets soweit geschwächt, dass die Operation Blau, der Angriff auf das Donezbecken und den Kaukasus, beginnen konnte. Am 23. Juli bekam die 6. Armee den Auftrag, anders als ursprünglich geplant, allein gegen Stalingrad zu marschieren, während die Masse der deutschen Truppenverbände weiter im Südabschnitt gegen den Kaukasus vorstieß. Paulus warnte noch am 29. Juli den persönlichen Adjutanten Hitlers, dass die 6. Armee zu schwach sei, um allein die Stadt einzunehmen. Er erhielt aber nur die Zusage einer gewissen Unterstützung durch Verbände der am Südflügel der 6. Armee stehenden 4. Panzerarmee.[5]

Stalingrad
Friedrich Paulus (rechts) mit Walther von Seydlitz-Kurzbach in Russland, 1942

Bereits jetzt bestanden erhebliche Nachschubschwierigkeiten, unter anderem auch wegen der Sprunghaftigkeit Hitlers, so dass sich die Überquerung des Don durch die 6. Armee um acht Tage verzögerte. Dies stellte genug Zeit für die Rote Armee dar, um sich nach Stalingrad zurückzuziehen und die Stadt zu befestigen. Während bis dahin noch eine gewisse Schwerpunktbildung geherrscht hatte, wonach drei Armeen nach Süden vorstoßen sollten, bekam die 4. Panzerarmee nun ebenfalls Befehl, südlich Stalingrads vorzustoßen. Hier wurden erste operative Fehler begangen: Statt die Stadt nach zu besetzenden Schwerpunkten einzuteilen, wurden Angriffsstreifen festgelegt. Nach einigen Tagen Kampf war die Lage schon zu verfahren und zu gefährlich für eine Umgruppierung. So blieb die Fährstelle an der Wolga, der wichtigste Punkt in der Stadt, in sowjetischer Hand. Dennoch war am 4. September das strategische Ziel erreicht: Die Wolga war als Verkehrsweg unterbrochen. Der Kampf um die vollständige Eroberung von Stalingrad wäre nicht notwendig gewesen, wurde aber auf beiden Seiten zu einer Frage der Ehre. Die Schlacht um Stalingrad sollte so zu einer der härtesten des Krieges werden.

Paulus selbst hatte am 26. August das Ritterkreuz erhalten. Er erbat angesichts der schlechten Versorgung seiner Soldaten die Einstellung der Kämpfe und den Rückzug aus der Stadt: Hunger, Kälte und Seuchen setzten den Soldaten zu, auch Paulus selbst war erneut an der Ruhr erkrankt. Hitler verbot eine Einstellung der Kämpfe, die Front durfte um keinen Meter zurückgenommen werden. Am 19. und 20. November 1942 durchbrachen die sowjetischen Armeeverbände in einem Großangriff die deutschen Linien nördlich und südlich Stalingrads und schlossen die Stadt vollständig ein. Hitler hatte der Roten Armee diesen Durchbruch nicht mehr zugetraut, obwohl Paulus ihn bei einem Gespräch in Winniza/Ukraine am 12. September auf die Gefahr aufmerksam gemacht hatte. Nun saß die 6. Armee in der Falle. Das Armeeoberkommando (AOK) aber musste erst in den Kessel einfliegen, da es durch den sowjetischen Vorstoß von den eigenen Linien abgeschnitten worden war.[6]

Friedrich Paulus 1943

Am 22. November erhielt das AOK 6 Befehl, in den Kessel einzufliegen und sich mit der gesamten Armee einzuigeln. Gleichzeitig bereitete die 6. Armee jedoch ihren Ausbruch vor. Paulus meldete am Abend des gleichen Tages die Einkesselung und bat Hitler um Handlungsfreiheit für den Ausbruch. Hitler gewährte ihm diese nicht, statt dessen erhielt die 6. Armee am 24. November seine endgültige Entscheidung, die Stellungen unter allen Umständen zu halten. General der Infanterie Walther von Seydlitz-Kurzbach als Befehlshaber des eingeschlossenen LI. Armeekorps hatte bereits begonnen, seine Verbände in Richtung auf den Ausbruchsschwerpunkt zurückzunehmen: Als Hitler davon erfuhr, verlangte er dafür sofort Rechenschaft von der Armeeführung. Paulus stellte sich vor von Seydlitz, verlangte aber eine Erklärung von ihm; gleichzeitig teilte er den anderen Kommandeuren den Haltebefehl mit. Seydlitz fügte sich zwar, forderte aber in einer Denkschrift an Paulus den sofortigen Ausbruch und erklärte, dass wenn „das OKH den Befehl zum Ausharren in der Igelstellung nicht unverzüglich [aufhebt], so ergibt sich vor dem eigenen Gewissen gegenüber der Armee und dem deutschen Volk die gebieterische Pflicht, sich die […] Handlungsfreiheit selbst zu nehmen und von der […] noch bestehenden Möglichkeit, die Katastrophe […] zu vermeiden, Gebrauch zu machen.“ Bei Paulus fand er für diese Position keine Unterstützung, dieser verließ sich auf die oberste Führung und deren besseren Überblick über die Gesamtsituation, worin er durch einen Brief seines neuen Oberbefehlshabers von Manstein bestärkt wurde, der ihm versprach, man werde ihn nicht im Stich lassen. Nach dem Kriege wurde Paulus von verschiedenen Seiten vorgeworfen nicht auf eigene Verantwortung einen Ausbruch befohlen zu haben.[7]

Trotz der bereits katastrophalen Lage herrschte im Kessel Zuversicht, dass das am 12. Dezember 1942 von der Heeresgruppe Don begonnene Unternehmen Wintergewitter zur Befreiung der 6. Armee zum Erfolg führen würde. Paulus selbst machte einen abgespannten und nervösen Eindruck, offenbar war er mit der Entwicklung unzufrieden, konnte sich aber nicht zu einem Durchbruchsversuch in Richtung Entsatzarmee entschließen. Die Kräfte der 6. Armee reichten längst nicht mehr für einen erfolgreichen Durchbruch zu den deutschen Linien aus. Der Mangel an Munition, Proviant, Treibstoff, Heiz- und Sanitätsmaterial war so groß, dass die Armee praktisch unbeweglich geworden war.

Der Entsatzangriff musste am 23. Dezember beendet werden, Paulus hoffte angesichts der Unmöglichkeit eines Ausbruchs dennoch auf Hilfe von außen. In einem Fernschreiben an die Heeresgruppe Don bekundete er am 26. Dezember zwar den unbedingten Durchhaltewillen, bat aber gleichzeitig darum, das Führerhauptquartier zu energischen Maßnahmen zu bewegen, da sich die „Festung Stalingrad“ ansonsten trotz ihres Willens zum Widerstand nicht mehr lange gegen die massiven Angriffe würde halten können.[8]

Paulus, zu Beginn des Jahres zum Generaloberst befördert, erhielt am 8. Januar 1943 ein Kapitulationsangebot der Roten Armee, gleichzeitig überbrachte ein am selben Tag im Kessel gelandeter General von Hitler die Nachricht, dass im Februar ein neuer Entsatzversuch geplant sei; so lange habe die Armee auszuhalten. Paulus glaubte nicht, dass ohne verstärkten Nachschub ein weiteres Durchhalten möglich sei, bemerkte aber, dass er die Transportmöglichkeiten durch die Luftwaffe nicht kenne. Das Kapitulationsangebot wurde sowohl vom Oberkommando des Heeres als auch vom AOK 6 abgelehnt, so dass Paulus es schließlich zurückwies und Befehl gab, sowjetische Parlamentäre durch Beschuss abzuweisen. Der durch Flugblätter und Lautsprecherdurchsagen von der Roten Armee informierten Truppe ließ er mitteilen, dass es sich lediglich um Propaganda und Täuschung handle.

Zwei Tage später begann die Rote Armee damit, den Kessel einzudrücken und in eine Nord- und eine Südhälfte zu teilen. Die 6. Armee hatte dem nichts mehr entgegenzusetzen: Am 14. Januar ging der Flugplatz Basargino, am 16. Januar der Flugplatz Pitomnik verloren. Die Verzweiflung der Eingeschlossenen erreichte ihren Höhepunkt: Tausende versuchten, vom noch verbliebenen Behelfsflugplatz Gumrak ausgeflogen zu werden. Der größte Teil der Armee flüchtete aber bereits in die Ruinenstadt von Stalingrad, die einen gewissen Schutz gegen die feindlichen Angriffe verhieß. Am 15. Januar wurde Paulus angesichts der Härte der Kämpfe das Eichenlaub zum Ritterkreuz verliehen.

Die kommandierenden Offiziere im Kessel waren sich der Lage bewusst. Das Versprechen Hitlers, die Armee zu retten, sahen sie durch die Luftwaffe sabotiert. Ein Major, der zur Inspektion des letzten Flugplatzes Gumrak eingeflogen war, musste sich heftigste Vorwürfe machen lassen. Das Spektrum der Emotionen der Armeeführung reichte von bemühter Objektivität (Seydlitz) über hochgradige Nervosität (Paulus) bis zum Wutanfall des Stabschefs Arthur Schmidt. Ihr Glaube an Hitler war dennoch ungebrochen. Als am 22. Januar der letzte Flughafen Gumrak verloren ging, funkte Paulus erkennbar verzweifelt und hilflos an das OKH:

„Russe im Vorgehen in 6 km Breite beiderseits Woroponowo, zum Teil mit entrollten Fahnen nach Osten. Keine Möglichkeit mehr, Lücke zu schließen. Zurücknahme in Nachbarfronten, die auch ohne Munition, zwecklos und nicht durchführbar. Ausgleich mit Munition von anderen Fronten auch nicht mehr möglich. Verpflegung zu Ende. Über 12.000 unversorgte Verwundete im Kessel. Welche Befehle soll ich den Truppen geben, die keine Munition mehr haben und weiter mit starker Artillerie, Panzern und Infanteriemassen angegriffen werden? Schnellste Entscheidung notwendig, da Auflösung an einzelnen Stellen schon beginnt. Vertrauen zur Führung aber noch vorhanden.“

Als Folge dieses Funkspruchs verwendete sich auch Paulus’ Vorgesetzter v. Manstein gegenüber Hitler für die Aufnahme von Kapitulationsverhandlungen, die Hitler aber weiterhin ablehnte: Schon aus Gründen der Ehre sei eine Kapitulation undenkbar.

Paulus fügte sich und forderte seine Truppen weiter zum Durchhalten auf. Am 23. Januar 1943 verließ das letzte Flugzeug den Kessel, jetzt musste jeglicher Nachschub abgeworfen werden, wobei der größte Teil verlorenging. Bis Ende Januar gelang es den Sowjets, den Kessel in einen nördlichen und einen südlichen Teil zu spalten. Paulus und sein Stab befanden sich im Univermag-Kaufhaus im Südteil. Tatsächlich hatte er aber die Befehlsgewalt über die Verbände schon weitgehend verloren: Einzelne Kommandeure bereiteten die Kampfeinstellung vor und gingen mit ihren Truppenteilen in Gefangenschaft.[9] Andere versuchten, mit ihren Gruppen auszubrechen: Einer einzigen Gruppe gelang das Unternehmen, aber nur ein Mann kam durch. Viele Offiziere begingen Selbstmord oder suchten den Tod im feindlichen Feuer: Beim IV. Korps führte am 24. Januar der Kommandeur der 297. ID die Reste seiner Division in die Gefangenschaft, am Abend des 25. Januars erschoss sich der Kommandeur der 371. ID, und am nächsten Morgen stellten sich die Kommandeure des IV. Korps, der 71. ID und der Artillerieabteilung IV. Korps auf den Bahndamm an der Zariza und schossen ohne Deckung auf die Russen. Bis Paulus davon erfuhr und ihnen befahl, die Linien zurückzunehmen, war einer bereits tot.[10] Während Paulus anderen Offizieren die Initiative überließ, hielt er sich an den gegebenen Befehl, durchzuhalten, und ließ noch am 29. Januar eine Ergebenheitsadresse an Hitler funken. Der Funkspruch lautete[11]: “An den Führer! Zum Jahrestage Ihrer Machübernahme grüßt die 6. Armee ihren Führer. Noch weht die Hakenkreuzfahne über Stalingrad. Unser Kampf möge den lebenden und kommenden Generationen ein Beispiel dafür sein, auch in der hoffnungslosesten Lage nie zu kapitulieren, dann wird Deutschland siegen. Heil mein Führer! Paulus, Generaloberst.” Dafür wurde er am Morgen des 31. Januars, quasi in letzter Minute, zum Generalfeldmarschall befördert. Tatsächlich hatten die Übergabeverhandlungen aber bereits begonnen: Paulus beteiligte sich daran nicht, sondern ließ seinen Stab, während er selbst schlief, in der Nacht auf den 31. Januar selbständig die Verhandlungen führen. Kurz nach dem Eingang des Funkspruchs mit seiner Beförderung wurden Paulus und sein Stab von einem sowjetischen General mit zwei Autos und einem Lkw abgeholt.

Gefangenschaft

Paulus war ohne eigene Mitwirkung Kriegsgefangener geworden. Zunächst wurde er von der sowjetischen Armeeführung verhört: Er leugnete vehement, der Südkessel habe kapituliert, sondern bestand darauf, man habe lediglich aus Munitionsmangel den Kampf einstellen müssen. Außerdem weigerte er sich trotz mehrfacher Aufforderung, dem noch kämpfenden Nordkessel von Stalingrad die Einstellung der Kampfhandlungen zu befehlen. Er sagte, er habe keine Befehlsgewalt über diesen, weil er sich nicht bei der Truppe befinde. Am 20. Februar 1943 wurden Paulus und sein Stab dann in das Kriegsgefangenenlager Nr. 27 in Krasnogorsk bei Moskau verlegt, wo sie sechs Wochen blieben, bevor sie weiter ins Lager Nr. 160 in Susdal kamen.

Die Offiziere der Stalingrad-Armee unterlagen seit ihrer Gefangennahme geheimer Überwachung durch das NKWD, welches regelmäßig Dossiers über deren politische Haltung erstellte. Mitte Mai 1943 wurde über Paulus berichtet, dass er bemüht sei, Haltung zu bewahren, und damit rechne, bei sich bietender Gelegenheit gegen einen russischen General ausgetauscht zu werden, zudem begrüße er seine Offiziere weiterhin mit „Heil Hitler“ und lehne die sozialistischen Feiern zum 1. Mai ab.

Hauptquartier des Nationalkomitees Freies Deutschland

Bei einem Besuch Wilhelm Piecks, der Werbung für das neu zu begründende Nationalkomitee Freies Deutschland machen wollte, zeigte er sich jedoch – anders als der größte Teil der Offiziere, die Pieck lediglich Verachtung entgegenbrachten – gesprächsbereit. In diesem Gespräch gestand er seine Enttäuschung über Hitler ein, beharrte aber darauf, dass er als Soldat unter allen Umständen zu gehorchen habe. So weigerte er sich entschieden, zu der Gründung des Komitees beizutragen.

Nach der Verlegung nach Woikowo im Juli 1943 musste sich Paulus als ranghöchster Offizier als Schlichter in Streitigkeiten zwischen der Gruppe der zur Mitarbeit beim NKFD bereiten Soldaten und den übrigen Lagerinsassen betätigen. Zudem wurde er von General von Seydlitz, dessen Vorgesetzter er im Kessel von Stalingrad noch gewesen war, bedrängt, an der Gründung des NKFD teilzunehmen, da von der Teilnahme eines so hochdekorierten Soldaten Signalwirkung erwartet wurde. Paulus begründete seine Weigerung aber mit dem Hinweis, dass er als Kriegsgefangener nicht gegen seine politische Führung Stellung beziehen dürfe. Eine von ihm mitunterschriebene Erklärung, die die Offiziere des BDO des Landesverrats bezichtigte, fand allerdings ebenso wenig seine innere Zustimmung.[12]

Die sowjetischen Behörden ließen in ihrem Bemühen dennoch nicht nach und verlegten ihn ohne seine Begleitung nach Saretschje bei Lunowo/Moskau. Nachdem am 11./12. September in Lunowo der BDO ohne Paulus gegründet werden musste, wurde der Druck auf den Feldmarschall größer: Er durfte nur noch mit Angehörigen des BDO Kontakt haben, diese wie auch seine sowjetischen Bewacher drängten ihn zum Beitritt. Paulus beschwerte sich: Er teile die Meinung seiner Stubengenossen nicht, tue das aber nicht aus Borniertheit, sondern weil er sich zu einer Entscheidung in dieser Angelegenheit nicht in der Lage fühle. Bis zum 20. Juli 1944 wurde er daher zurück nach Woikowo gebracht, nach dem Attentat aber erneut für zwei Wochen unter Druck gesetzt, bis Paulus sich zu einer Kooperation bereit erklärte. Der Grund lag im Abbruch der diplomatischen Beziehungen zwischen Deutschland und der Türkei, die zu einer Landung der Alliierten auf dem Balkan führen würde, der Krieg sei damit für Deutschland verloren. Am 8. August 1944 unterschrieb er daher einen Appell an das deutsche Volk, in dem er es aufrief, sich von Hitler loszusagen.

Mit seinem langen Zögern bzw. mit seinem Einschwenken auf die sowjetische Linie, erntete Paulus beim BDO bzw. den anderen deutschen Kriegsgefangenen nur Empörung. Die Angehörigen des BDO vertraten den Standpunkt, dass Paulus keine leitende Funktion haben könne, da seine Unentschlossenheit ihn unglaubwürdig gemacht habe. Auch im Ausland stieß sein Schritt auf Befremden, da doch gerade Paulus Hitlers Befehle bedingungslos und bis in die letzte Konsequenz befolgt hatte. In Deutschland wurden seine Angehörigen in Sippenhaft genommen, seine Frau kam ins KZ Dachau und sein Sohn nach Immenstadt in Festungshaft. Paulus selbst überschätzte seinen Einfluss und versuchte, andere Offiziere vom Beitritt zu überzeugen, zudem stellte er sich einen neuen Stab zusammen. Zwei Aufrufe an die Heeresgruppe Nord und die neuaufgestellte 6. Armee, die Waffen niederzulegen, blieben ohne Resultat. Am 30. Oktober 1944 bat er Stalin um ein Gespräch, um ihm die Aufstellung deutscher Freiwilligenverbände vergleichbar zur auf deutscher Seite eingerichteten Russischen Befreiungsarmee unter Andrei Andrejewitsch Wlassow vorzuschlagen. Angesichts der Erfolg- und Bedeutungslosigkeit des NKFD und des BDO sowohl unter den deutschen Kriegsgefangenen als auch bei der kämpfenden Truppe blieb sein Ersuchen ohne Reaktion.[13]

Nachkriegszeit

Zeuge der Anklage in Nürnberg

Göring, Hess, Ribbentrop, und Keitel, dahinter Dönitz, Raeder, von Schirach, und Sauckel auf der Anklagebank.

Die Ankündigung der Prozesse gegen die deutschen Hauptkriegsverbrecher waren im November 1945 der Grund für große Unruhe unter den gefangenen Offizieren, die in Stalingrad gekämpft hatten: Ein Anklagepunkt bezog sich auf die Tötung von 40.000 Zivilisten im Raum Stalingrad. Paulus’ Untergebene wiesen jede Verantwortung dafür von sich und verwiesen auf ihn als Vorgesetzten.[14] Möglicherweise veranlasste ihn das zur Zusammenarbeit mit der Sowjetunion: Er machte dem NKWD-Verbindungsoffizier deutlich, dass er zur Vorbereitung des Russlandfeldzuges und zu dem Wissen der Generalität aussagen wolle.

Unter dem Decknamen „Satrap“ wurde Paulus Anfang 1946 nach Deutschland geflogen und trat am 11. Februar unter sowjetischer Protektion im Gericht als Zeuge der Anklage auf.[15] Er berichtete über seine eigene Rolle bei der Vorbereitung des Unternehmens Barbarossa und dessen Charakter eines Eroberungs- und Vernichtungskrieges, der den Angeklagten nicht verborgen geblieben sei. Nach den Hauptschuldigen befragt, nannte er Wilhelm Keitel, Alfred Jodl und Hermann Göring. Der Verteidigung gelang es nicht, seine Aussagen durch Vorhaltung seiner Rolle im Generalstab, in der 6. Armee und im NKFD zu desavouieren, da der Richter diese Aspekte nicht für relevant hielten. Paulus’ Aussage erfüllte in vollem Umfang die Erwartungen seiner sowjetischen Betreuer. Paulus nützte das freilich nichts: Ein Wiedersehen mit seiner schwerkranken Frau blieb ihm mangels „Zweckdienlichkeit“ verwehrt. Sie starb 1949, ohne ihren Mann noch einmal gesehen zu haben.

Der Auftritt des Feldmarschalls traf bei den Soldaten und Offizieren in russischer Gefangenschaft auf ein geteiltes Echo: Die meisten hielten es für würdelos und ihn für nicht weniger schuldig als Keitel, Jodl und Göring. Sehr viele gingen deshalb auch davon aus, dass man ihm später selbst deswegen den Prozess machen würde.[16] Paulus wurde nach seiner Rückkehr nicht in das allgemeine Lager zurückgebracht, sondern in eine Datscha in Tomilino verlegt. Außer ihm waren hier noch die Generale Vincenz Müller und Arno von Lenski untergebracht, Paulus’ Adjutant Oberst Wilhelm Adam war ebenfalls häufiger anwesend. Zur Rekonvaleszenz nach einer verschleppten Lungentuberkulose verbrachten sie im Sommer 1947 zwei Monate auf der Krim. Eine Änderung trat 1948 ein, als – im Gegensatz zu Paulus selbst – die Offiziere entlassen wurden, so dass ihm lediglich als Koch und Ordonnanz zwei deutsche Kriegsgefangene verblieben. Dies und die Nachrichten über den sich stetig verschlechternden Gesundheitszustand seiner Frau führten bei Paulus zu zunehmenden Depressionen. Im Juni 1948 bat er daher um Repatriierung in die Sowjetische Besatzungszone, da er beim Aufbau eines demokratischen, eng mit der Sowjetunion verbundenen Deutschland mithelfen wolle. Anscheinend rechnete er sich damit größere Chancen aus, entlassen zu werden. Diese Bitte blieb unbeantwortet. Paulus ahnte, dass man begonnen hatte, gegen ihn zu ermitteln. Theaterbesuche in Moskau waren ihm nicht mehr gestattet, Funktionäre besuchten ihn nicht mehr, und man hatte ihm unter einem Vorwand das Radio weggenommen. Obwohl 1949 genügend belastende Hinweise vorlagen, kam es jedoch zu keiner Anklage gegen ihn.

Der Tod seiner Frau im November 1949 wurde ihm vier Wochen lang verheimlicht: Es sollte vermieden werden, dass Paulus seine Zusage, in die DDR überzusiedeln, zurückzog, nachdem ihm nur noch Sohn und Tochter geblieben waren, die beide in der Bundesrepublik Deutschland wohnten. Aus diesem Grund wurde einem erneuten Ansuchen im Mai 1950 lediglich prinzipiell zugestimmt, die konkrete Erlaubnis blieb aber aus. In einem Bericht von 1953 heißt es: „Im weiteren wurde die Repatriierung von Paulus bis auf besondere Anordnung verschoben, danach wurde die Frage nicht mehr geprüft.“ Es kam nur ein Wohnsitz im Osten Deutschlands in Frage, da im Westen das Bild von Paulus durch einen Roman von Theodor Plivier, der die Ereignisse in Stalingrad thematisierte, sehr negativ geprägt war; auch eine Anklage vor einem westdeutschen Gericht wäre möglich gewesen. Im September 1953 kam es noch zu einem Treffen zwischen Walter Ulbricht und Paulus, bei dem seine Rückkehr besprochen wurde. Bevor Paulus am 24. Oktober 1953 mit seinen beiden Bediensteten den Zug nach Frankfurt (Oder) bestieg, schrieb er voller Dankbarkeit noch eine weitere Ergebenheitsadresse an die Sowjetunion, mit der er sich in den Augen der deutschen Öffentlichkeit endgültig zum Verräter und Wendehals abstempelte.[17]

Weiteres Leben

Friedrich Paulus bei einer Pressekonferenz 1954

Am 26. Oktober 1953 betrat Paulus erstmals seit 1946 wieder deutschen Boden: Am Bahnsteig erwarteten ihn bereits Arno von Lenski und Wilhelm Adam. Anschließend fuhr man nach Ost-Berlin zu einem offiziellen Empfang durch die Staats- und Parteiführung der DDR. Sein Name hatte wieder Gewicht gewonnen, seit Bundeskanzler Adenauer die Bundesrepublik Deutschland auf Westkurs brachte. Anscheinend wollte man mit Prominenten, die die DDR unterstützten, dagegen steuern. So bekam er als Wohnung eine Dresdner Villa auf dem Weißen Hirsch (Preußstraße 10[18]) zugewiesen und erhielt das Privileg einer eigenen Handfeuerwaffe sowie eines westdeutschen Pkw, eines Opel Kapitän. Paulus unterlag allerdings seit seiner Ankunft als „Objekt Opel“ der Überwachung durch die Staatssicherheit: Alle seine Bediensteten waren Zuträger des Geheimdienstes, seine Post wurde beobachtet, das Telefon und die Wohnung abgehört. Einflussreiche Positionen wurden ihm in der DDR nicht übertragen, seine offizielle Funktion war Leiter des Kriegsgeschichtlichen Forschungsrates an der Hochschule der Kasernierten Volkspolizei. Darüber hinaus war er unter anderem einer der Hauptautoren der Dienstvorschrift der Nationalen Volksarmee der DDR. Paulus beschäftigte sich schriftlich und in gelegentlichen Vorträgen mit der Schlacht um Stalingrad, ansonsten führte er das Leben eines örtlichen Honoratioren und genoss Abende unter alten Soldaten. Allerdings hatte er inzwischen wohl Probleme, zu den „eigenen Leuten“ Kontakt zu finden, und verstand sich mit den sowjetischen Generalen besser. 1955 war er an der Initiative „Gesamtdeutsche Offizierstreffen“ beteiligt, die die Wiederbewaffnung Ost- und Westdeutschlands verhindern wollte. Von dieser Initiative erhielt er auch den Auftrag, sich um die Freilassung der letzten Kriegsgefangenen zu bemühen. Er wandte sich deswegen an die DDR-Führung, die freilich kein Interesse daran hatte. Ein zweites Treffen der Initiative rief „zum nationalen Widerstand gegen die Politik der dauernden Spaltung Deutschlands“ auf. Diese Töne und die Beteiligung von Waffen-SS-Offizieren führten zur Beendigung der Treffen durch die DDR. Danach zog sich Paulus vor allem aus gesundheitlichen Gründen aus der Öffentlichkeit zurück, da er seit 1955/56 an Bulbärparalyse mit amyotrophischer Lateralsklerose litt, die bei völliger geistiger Klarheit zur Lähmung der Muskulatur führt. Aufgrund seines sich rapide verschlechternden Gesundheitszustandes blieb eine Studie über die Schlacht von Stalingrad, mit der er sich noch zuletzt beschäftigt hatte, unvollendet. Paulus starb am späten Nachmittag des 1. Februar 1957 in seiner Dresdner Villa. Er wurde mit militärischen Ehren auf dem Friedhof von Dresden-Tolkewitz beigesetzt.[19] Die Urne von Generalfeldmarschall Paulus ruht auf dem Stadtfriedhof in Baden-Baden. Dort befindet sich auch das Familiengrab der Paulus’.

Auszeichnungen

Literatur

  • Hans Doerr: Der Feldzug nach Stalingrad. Darmstadt 1955.
  • Walter Görlitz (Hrsg): Paulus. „Ich stehe hier auf Befehl“. Lebensweg des Generalfeldmarschalls Friedrich Paulus. Mit den Aufzeichnungen aus dem Nachlaß, Briefen und Dokumenten. Frankfurt am Main 1960.
  • Heinz Schröter: Stalingrad – … bis zur letzten Patrone. Ullstein, Frankfurt am Main/Berlin 1993, ISBN 3-548-22972-7.
  • Leonid Reschin: Feldmarschall im Kreuzverhör. Friedrich Paulus in sowjetischer Gefangenschaft 1943–1953. Berlin 1996, ISBN 3-86124-323-7.
  • Peter Steinkamp: Generalfeldmarschall Friedrich Paulus. In: Gerd R. Ueberschär (Hrsg.): Hitlers militärische Elite. Bd. 2: Vom Kriegsbeginn bis zum Weltkriegsende. Primus Verlag, Darmstadt 1998, ISBN 3-89678-089-1, S. 161–168.
  • Peter Steinkamp: Generalfeldmarschall Friedrich Paulus. Ein unpolitischer Soldat? Erfurt 2001, ISBN 3-89702-306-7.
  • Torsten Diedrich: Paulus. Das Trauma von Stalingrad. Eine Biographie. Schöningh, Paderborn 2008, ISBN 978-3-506-76403-4.

 Commons: Friedrich Paulus – Sammlung von Bildern und/oder Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. Peter Steinkamp: Generalfeldmarschall Paulus. S. 11ff.
  2. Peter Steinkamp: Generalfeldmarschall Paulus. S. 14ff.
  3. Peter Steinkamp: Generalfeldmarschall Paulus. S. 21ff.
  4. Peter Steinkamp: Generalfeldmarschall Paulus. S. 29ff.
  5. Peter Steinkamp: Generalfeldmarschall Paulus. S. 32ff.
  6. Peter Steinkamp: Generalfeldmarschall Paulus. S. 48ff.
  7. Joachim Wieder: Stalingrad und die Verantwortung des Soldaten, F. A. Herbig, München 1997, ISBN 3-7766-1778-0, Kapitel Generalfeldmarschall Paulus Seiten 216-257
  8. Peter Steinkamp: Generalfeldmarschall Paulus. S. 58ff.
  9. Peter Steinkamp: Generalfeldmarschall Paulus. S. 70ff
  10. Heinz Schröter: Stalingrad – … bis zur letzten Patrone. S. 248ff.
  11. Joachim Wieder: Stalingrad und die Verantwortung des Soldaten, F. A. Herbig, München 1997, ISBN 3-7766-1778-0, Seiten 364
  12. Peter Steinkamp: Generalfeldmarschall Paulus. S. 78ff.
  13. Leonid Reschin: Feldmarschall im Kreuzverhör. S. 73ff.
  14. Peter Steinkamp: Generalfeldmarschall Paulus. S. 94f.
  15. Aussage von Generalfeldmarschall Paulus in den Hauptverhandlungen des Nürnberger Prozesses, Nachmittagssitzung am Montag, den 11. Februar 1946 (56. Tag). Veröffentlicht in: Der Prozeß gegen die Hauptkriegsverbrecher vor dem Internationalen Gerichtshof Nürnberg. Nürnberg 1947, Bd. 7, S. 283–310.
  16. Leonid Reschin: Feldmarschall im Kreuzverhör. S. 169ff.
  17. Peter Steinkamp: Generalfeldmarschall Paulus. S. 98ff.
  18. Deutsche Fotothek der SLUB Dresden Friedrich Paulus mit seiner Tochter in seiner Wohnung; vgl. Wissen.de: Eintrag zu Weißer Hirsch.
  19. Peter Steinkamp: Generalfeldmarschall Paulus. S. 107ff.
  20. a b c d e f Rangliste des Deutschen Reichsheeres, Mittler & Sohn Verlag, Berlin 1930, S.132
  21. Veit Scherzer: Die Ritterkreuzträger 1939-1945, Scherzers Militaer-Verlag, Ranis/Jena 2007, ISBN 978-3-938845-17-2, S.585
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